Es ist eine der großen Geschichten, die die
Wissenschaft manchmal schreibt: 1970 hatte in Russland ein Physiker eine
verblüffend einfache Lösung für ein sehr kompliziertes Problem gefunden. Er
dachte über das Verhalten von drei sich gegenseitig anziehenden Objekten in der
Quantenwelt nach. Während sich die Wechselwirkung zwischen zwei Körpern einfach
berechnen lässt, zählt das Verhalten mehrerer sich anziehender Körper zu den
schwierigen Problemen der Physik. Doch Vitaly Efimov prophezeite, dass sich
drei Teilchen unter Ausnutzung der quantenmechanischen Eigenschaften zu einem
Objekt vereinen können, obwohl sie paarweise zu keiner Verbindung imstande
sind. Noch erstaunlicher: Wird die Entfernung zwischen den Teilchen jeweils um
den Faktor 22,7 vergrößert, ergeben sich unendlich viele solcher
Efimov-Zustände. Laut dem Theoretiker hat das Phänomen universellen Charakter,
gilt also für Teilchen im Atomkern ebenso wie für molekulare Verbindungen.
Diese Aussagen wurden in der wissenschaftlichen Gemeinde zunächst mit Skepsis
aufgenommen.
Der experimentelle Nachweis wollte lange Zeit nicht gelingen.
Doch 35 Jahre nach der Veröffentlichung der
theoretischen Vorhersagen von Vitaly Efimov konnten die Innsbrucker Quantenphysiker
um Rudolf Grimm und Hanns-Christoph Nägerl diese besonderen Quantenzustände
erstmals mit experimentellen Daten belegen. Sie beobachteten dazu ein
ultrakaltes Gas aus freien Cäsiumatomen, das bei Temperaturen nahe dem
absoluten Nullpunkt ein Bose-Einstein-Kondensat bildet. Mit einem Magnetfeld
stellten sie die Abstände zwischen den Teilchen genau ein und schufen so die
Bedingungen für die Dreiteilchenbindung nach Efimov. Die entstehenden
Efimov-Objekte wurden zwar nicht direkt beobachtet, konnten aber durch einen
starken Verlust von Teilchen nachgewiesen werden. Nun besuchte der Theoretiker
Vitaly Efimov erstmals jenes Innsbrucker Labor, in dem seine Aussagen
schließlich eine erste experimentelle Bestätigung fanden.
„Aus unserer Entdeckung hat sich in der
Zwischenzeit ein ganz neues Arbeitsfeld entwickelt“, ist Rudolf Grimm
begeistert. „Immer mehr Forschungsgruppen aus aller Welt beginnen mit
Untersuchungen von Efimov-Zuständen.“ Auch die Innsbrucker Forscher haben ihre
Experimente fortgesetzt und in diesem Jahr erstmals Efimov-Zustände auch
zwischen einem Atom und einem zweiatomigen Molekül nachgewiesen. Noch einmal
erweitert haben sie das Feld, als sie heuer im März Vierkörperzustände
beobachteten, die eng mit den Efimov-Zuständen verbunden sind. Mehrkörperprobleme
zählen zu den schwierigsten Fragen der Physik, deren Lösung seit Jahrhunderten
die klügsten Köpfe der Naturwissenschaften beschäftigt. Ausgefeilte Methoden
und ein enormer numerischer Rechenaufwand sind auch heute noch notwendig, um
solche Fragestellungen zu lösen. „Die Forschungen zu Efimov-Zuständen bringen
die Wissenschaft auf der Suche nach einfachen Gesetzmäßigkeiten in den
komplexen Zusammenhängen von mehreren sich gegenseitig beeinflussenden Objekten
wieder einen wichtigen Schritt voran“, ist Prof. Grimm überzeugt.
Vitaly Efimov wanderte in den 1990er-Jahren von
Russland in die USA aus. Dort ist er bis heute an der University of Washington,
Seattle, als Professor für Physik tätig und widmet sich vor allem der Lehre.
Nach den Innsbrucker Entdeckungen stoßen seine Forschungen heute aber weltweit
wieder auf größtes Interesse. Eine internationale Tagung zu Efimov-Zuständen in
Rom ist es auch, die ihn nun wieder nach Europa führte. Auch in Innsbruck wird
sein Besuch mit einem kleinen Symposium begangen. Heimische
Nachwuchsforscherinnen und -forscher berichten an der Universität Innsbruck
über ihre Exprimente zu Efimov-Zuständen.
